July 2, 2012






American

Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich bin von Seele zu Seele gewandert.
Von der Steinzeit bis zur Neuzeit...
Hier ist mein Reisebericht:

One & All (237 Seiten) - ein Roman mit vielen Fußnoten.


             1. Love You, Life!

   Geist ist so notwendig wie frische Luft, und ich habe einen guten Weg gefunden, eine Menge davon zu bekommen schon bevor ich geboren wurde. Der Samen drang ins Ei ein; das Ei teilte sich, klammerte sich ans Fleisch und nährte sich mit Blut … Ich selbst aber wurde angezogen von den Attraktionen meiner Innenwelt, und ich wagte mich immer weiter hinein, bis ich durch die Augen eines Mannes blickte.
Eifrig kämpfte ich seinen rastlosen Kampf ums Dasein, aber als sich seine Zeitgenossen über ihn lustig machten, lachte ich mit. Ich konnte ganz nach Belieben von Seele zu Seele wandeln. Ich lachte aus allen Hälsen.
Mein eigener Körper bot mir dann immer Zuflucht vor dieser ruhelosen Welt. Und da, wo ich auf Reisen war, hatte ich keinerlei Verantwortung für den Lauf der Dinge. Ich konnte niemandem helfen oder sagen, was er zu tun hatte. Ich wurde nicht mal wahrgenommen. Ich war nur ein stiller Beobachter. […]

Ich war jedenfalls heilfroh, dass ich mich frei bewegen und jederzeit in den Mutterleib verziehen konnte. Langweilern, Spielverderbern und Kannibalen ging ich im Allgemeinen aus dem Weg. Am liebsten war ich unter tapferen Jägersleuten, die fette Beute machten und immer eine gute Geschichte zu erzählen hatten. […]

Dass ich meine außergewöhnlichen geistigen Anlagen einem genetischen Defekt verdanke, wollen wir nicht annehmen, aber mir ist’s nur recht, wenn mich alle für einen Lügner halten und die ganze Angelegenheit als Witz betrachten. Hören Sie also bitte auf, da mit zu viel Ernst ranzugehen, lieber Leser! Schreiben Sie sich hinter die Ohren, dass die historische Welt nichts anderes ist, als eine riesige Spielzeugkiste, in der wir herumwühlen dürfen, wie wir Lust haben! Und keine Angst! Ich sorge dafür, dass Ihnen für Ihr gutes Geld was Gutes geboten wird.

2. Dreisamkeit

   Frauen waren schon immer mächtig, und manche wurden mit der Zeit sogar eigenmächtig. Denen fiel es nicht mehr im Traum ein, einen Mann an ihrem Feuer zu dulden, wenn er nicht nett zu ihnen war. Sie hatten zwar Sinn für Zwischentöne und Zweideutigkeiten, aber sie konnten auch brutal realistisch und hemmungslos trivial sein. Sie waren zum Fürchten, diese Frauen, auch wenn man sie zum Lachen brachte.
Mir gewährten sie allerdings die vertraulichsten Vertraulichkeiten. Und eines Tages geriet ich in eine leidenschaftliche Liebesaffäre. […]

3. Pyramidenbau

   Da ich mich einige Tausend Jahre lang nur um meine eigenen Geschäfte gekümmert habe, sind die folgenden Betrachtungen nicht das Ergebnis unmittelbarer Erfahrung. […]

Kupfermeißel werden am Granit stumpf und platt, ohne ihn zu ritzen. Nur mit noch härteren Steinen wie Dolerit oder Diorit ließ er sich damals abbauen und behauen. […]

Die Hieroglyphen im Hartgestein wurden mit Meißeln aus Feuerstein fabriziert - nicht mit Stahlmeißeln, Laserkanonen oder Ultraschallgeräten ... Die großen Bauherren Ägyptens standen noch lange vor demselben Problem: Wie formt man Granit ohne Stahl? […]

Eine gerade Rampe mit 10 Grad Steigung bis zur Spitze wäre 830 m lang gewesen, und sehr unpraktisch, weil die Steigung immer neu angepasst werden hätte müssen. […]

4. Kulturschock
um 1880 v. Chr.

   Mittlerweile war meine schlechte Laune der völligen Gleichgültigkeit gegenüber allen Dingen gewichen. Ich genoss eine unsagbare Meeresstille des Gemüts …[…]

Es muss um die 10. Woche gewesen sein. Mein Körper war so groß wie eine Aprikose und bestand zur Hälfte aus Kopf. […]

Ich genehmigte mir die witzigsten Pointen, die vollsten Gläser und die schönsten Frauen, bis ich jeglichen Haltes beraubt war. Zerrissen zwischen düsterer Verkommenheit und unschuldiger Freude, machte ich mich schließlich davon. Niemand versuchte, mich am Abgang zu hindern. Niemand erwartete meine Rückkehr. Niemand sorgte sich um mich. Niemand liebte mich. Ich war frei.

5. Hatschepsut & Co.
um 1470 v. Chr.

   Als der Vorhang aufging, herrschte noch Ordnung. Unter einem strahlend blauen Himmel diskutierten drei Männer und eine Frau über die wichtigste aller Fragen: Was ist besser, Tee oder Bier?
In der nächsten Szene dominierte pedantische Ordnungswut, aber selbstverständlich schrieb das Leben wieder fast alle Konfliktstoffe ins Drehbuch, die ein breites Publikum interessieren: Prostitution, Menschenhandel, Gewaltverbrechen und Kleinigkeiten wie Inzest und Ehebruch. […]

Ich schleppte schon schwer an den Lichtern, die mir aufgesteckt wurden, als ich den großen Tempel betrat.
Da regierten Possenreißer im Priestergewand, die mit unglaublicher Zungenfertigkeit die Götter beschworen. Sie lebten von ererbter Autorität und Betrug. Was sie machten war nicht Religion, sondern Goldgräberei. Die Angst, Zweite zu sein, trieb sie zur Eile. Doch innerlich lachten sie über die Rituale. Und sie lachten nicht mit dem gütigen Spott weltkluger Leute; sie lachten mit der kalten Heimlichkeit von Bauernfängern, die in das tiefste Geheimnis eingeweiht waren: In das Wissen, dass die Götter nur Erfindungen der Menschen sind. […]

6. Schäferstündchen
um 1400 v. Chr

   Im nächsten Akt regierte ein Häufchen Elend: Amenophis II. […]

Nichts und niemand konnte mich zwingen, in dieser Ruine zu hausen. Rundum wurde wieder ein regelrechter Historienschinken aufgeführt, und da gab es weit bessere Aufenthaltsorte für mein zartes Seelchen. […]

7. Blutrausch
um 1320 v. Chr.

   Als ich wieder das Licht der Welt erblickte, brachte mich König Haremhab in Verlegenheiten.
Seine Muskeln glichen einer Rüstung, sein Gesicht war voller dramatischer Furchen und Höhlen. Er war ein unermesslich starker Mann, äußerlich wie innerlich.
Seine Herren Offiziere lebten nur für den Krieg; Töten förderte ihren Appetit und war für sie ein Grund zum Feiern.
Weiter vorn standen die geborenen Weicheier, die man mit unbarmherzigem Drill hart gekocht hatte. […]

8. Neue Maßstäbe
530 v. Chr.

   Ich blieb brav im Mutterleib, bis ich wieder meine geistige Gesundheit riskierte.
Ich landete geradewegs in einem Tempel der Aphrodite, wo zwei Dutzend Priesterinnen den Gottesdienst verrichteten, indem sie mit den Gläubigen himmlische Hochzeiten feierten. Sie überschütteten die Männer mit einer amorphen, das ganze Wesen erfassenden Zärtlichkeit, und denen, die großmütig und standhaft genug waren, ließen sie die Vereinigung mit der Göttin selbst angedeihen. Welch Glück für einen Mann, dem das gelang! Wie vergnügt sein Gesicht, wie freundlich und leutselig sein Betragen!
Aber, liebe Freunde, das Wesen der Ekstase ist zwiespältig! […]

Ich musste kein eifersüchtiges Weib fürchten, wenn mich zu tun verlangte, was angeblich sogar der Göttervater hin und wieder gerne machte. Die Kunst, als Goldregen danieder zu kommen, beherrschte ich noch nicht - aber was soll’s? Ich hatte keinen schweren Donnerkeil zu schleppen. Ich brauchte keine mannstollen Priesterinnen oder doppelzüngigen Hofdichter. Einen hundertäugigen Kuhhirten, der gar nicht weiß, was Schlafen ist, den brauchte ich selbstverständlich auch nicht. Und ich hatte keinerlei Interesse an Keilereien mit Zentauren und Zyklopen. I c h  w a r  e i n  f r e i e r  M e n s c h! […]

9. Schule von Athen I
410 v. Chr.

   Immerhin bin ich nicht mit blanken Klingen über wehrlose Menschen hergefallen. Im Mutterleib stellte ich sogar einige Überlegungen an, wie man das Gemüt dazu bringen könne, mit sich selbst in dauerhaftem Frieden zu sein. Und dann zog ich wieder los. Heiter und fröhlich stolperte ich über Belanglosigkeiten und kleine Kümmernisse mitten in den Staat hinein. […]

Es gab einen sonderbaren Kauz namens Sokrates, der in Begleitung seiner halbstarken Leibgardisten durch die Stadt streifte und auf öffentlichen Plätzen Reden hielt: „Bürger von Athen, ihr seid nicht das Maß aller Dinge! Hört auf eure innere Stimme! […]

10. Schule von Athen II
375 v. Chr.

   Den Krieg hatten sie verloren; und zwei Jahre lang mussten die Athener unter dreißig von Sparta eingesetzten Tyrannen in Schmach und Schande leben, bis sie sich wieder selbst verwalten durften. […]

Ich landete auf einer Gartenparty und berauschte mich bald nur noch an den Sehnsuchtsanfällen einer jungen Frau.
Ihre Augen waren schwarz wie Kohle, ihr Haar hatte die Farbe und den Glanz eines jungen Raben, ihre Haut schimmerte wie Schlagsahne, ihre Gestalt war das Maß aller schönen Dinge … Ich fand nichts, was nicht vollkommen gewesen wäre. Und einer der Gäste wurde beim Anblick der reizenden Person ganz lyrisch. […]

Er - Platon höchstpersönlich - hegte die Hoffnung, dass ihm eine Offenbarung des Urweiblichen zuteil werde!
Die Füße der Göttin flogen wie weiße Möwen über den schwarzen Stein, und mit jedem Schleier, den sie fallen ließ, wurden ihre Bewegungen ekstatischer und schwindelerregender, während er in einen Zustand heller Begeisterung geriet. […]

Manche gingen in den Wald und hängten sich an die Bäume. Andere gingen in die Politik. Und da spielte man mit hohem Einsatz. Das Selbstachtungsbedürfnis der kleinen Leute wollte ja geschont sein, damit sie die staatlichen Gesetze und Anordnungen für ihre eigenen Prinzipien halten konnten. Wer ihnen imponieren wollte, der durfte keinen Riss in der Fassade haben - auch nicht bei Liebeskummer, Migräne oder Prostatabeschwerden. […]

11. Schule von Athen III
350 v. Chr.

   Alles, was kommt, muss irgendwann gehen. Und mir hing die Welt bald zum Hals raus - mit dem vielen Denken und der ewigen Rumvögelei und dem ganzen Scheiß. Ich wollte die Dinger einfach nicht mehr sehen, und auch nicht die Männer, die damit rummachten. Sie hatten eine Vergangenheit, und ich hatte meine. Und meine war nicht schlechter als ihre. Aber meinst du, dass sie mich je was gefragt hätten?! […]

Für mich indes war die Botschaft des Diogenes einfach: „Nicht mitmachen!!“
Ich blickte aus ihm hinaus und sah nur noch lauter Verlockungen, vom rechten Weg abzukommen. Da diente man den Götzen der Alltäglichkeit. Da hatte man Bedürfnisse zu erfüllen, Ziele zu erreichen, Verluste zu verschmerzen ... […]

12. Quo vadis, Europa?
1366

   Wohin will dieses fußkranke Volk? Das war die Frage.
Die Stadt glich einem räudigen Köter und die Bewohner hatten die erbärmlichsten Füße aller aufrecht gehenden Lebewesen. Sie litten an Platt-, Spreiz- oder Senkfüßen und trugen Schimmelpilze, Hühneraugen und Krähennägel spazieren. Jeder - vom Kleinkind bis zum Greis - war pedestal indisponiert, aber keiner mochte sich deswegen öffentlich erregen. Was in Athen zu heftigen gesundheitspolitischen Debatten geführt hätte, war denen kaum der Rede wert … […]

Sie waren solche Geistesakrobaten, dass selbst Jesus Christus mitsamt seinen Aposteln nicht genug Verstand aufgebracht hätte, um mit diesen modernen Theologen zu streiten. Redeten sie von der Nächstenliebe, fingen sie bei den Quellen des Nils an; sollten sie über das Fasten sprechen, zitierten sie zuerst die zwölf Tierkreiszeichen; hatten sie das Mysterium der Dreifaltigkeit zu erklären, machten sie einen Umweg übers Rote Meer … […]

Beispielhaft erfüllten sie den Sinn europäischen Fortschritts: „Vorwärts, vorwärts - und den Schmerz schnell vergessen!“ […]

13. Rondo Florentino
1460

   Also bekam ich es mit leibhaftigen Harpyien von Advokaten zu tun, und mit einer beutelschneiderischen Sippschaft von Ärzten, Quacksalbern, Barbieren und Hebammen, die es nur aufs Geld ihrer Kunden abgesehen hatten.
Florenz, das war das Vorzimmer zum Paradies. Wer da Geld hatte, für den drehte sich die Welt - der konnte einen Prozess gewinnen, eine Krankheit besiegen, eine Aphrodite zum Weib nehmen oder einen Philosophen mieten. Selbst wenn er ein Hornochse war - wohin er seinen Fuß setzte, erblühten Rosen, läuteten Glocken, ertönten Trompeten ... […]

Stein für Stein und Gitterstab für Gitterstab bauten sie einen Käfig um mich herum, und einige waren dabei so zügellos und unverschämt, als holten sie sich ihre Inspirationen direkt aus dem Allerheiligsten des pythischen Apoll.
Solche Leuchten ließen sich von einer dahergelaufenen Krämerseele übers Ohr hauen, hielten aber jeden für einen Idioten, der an den Behauptungen anderer nichts auszusetzen fand. Also schöpften sie den Rahm von der Milch anderer Leute und klapperten jüdische, griechische und römische Schriften nach Bemerkenswertem ab, wie die Händler fremde Häfen nach Handelsware. […]

14. Gefahren des Schmarotzertums
1492

   Es hatte an der Werkstatttür geklopft. Und herein trat ein Jüngling von vollendeter Schönheit und Grazie.
Nachdem er sich mit großen Augen umgesehen hatte, sagte er: „Der Herr Vater lässt fragen, ob ihr, ehrwürdiger Meister, ein Konterfei der heiligen Veronica anfertigen möchtet. […]

Die Laufbahn einer Kurtisane dagegen begann gewöhnlich in einer Taverne, wo der Vater sie an einen Saufkumpan verspielt oder die Mutter verschachert hatte. Bereits als junges Mädchen lernte sie, wie man den Männern einen Vogel in den Kopf setzt und ihnen das Geld aus dem Beutel lockt. Ihre Jungfernschaft verkaufte sie vielleicht öfter als die Pfaffen ihren Ablass. Und mit viel Glück und Geschick mauserte sie sich zur Femme fatale. […]

Lorenzo „der Prächtige“ lag im Sterben. Zur Linderung eines Magenleidens hatte ihm sein Leibarzt einen Brei aus zerstoßenen Perlen verabreicht, und als ich ihn mitten in der Nacht besuchte, war er schon reif fürs Grab, doch dem Priester, der ihn angesichts des Todes auf die Gnade Gottes verweisen wollte, entgegnete er nur trocken: „Gewiss, das ist SEIN Geschäft.“ Und in Gedanken fügte er hinzu: „SEIN einziges, denn zu keinem anderen Zweck haben wir IHN uns geschaffen, wie man sich einen Arzt oder einen Advokaten mietet.“
Ich fand das sehr komisch und hätte gern ein wenig gelacht. Aber alle waren sehr ernst, denn schließlich war der Hinschied des Herrn de´ Medici ein nationales Unglück. […]

15. Leonardos Odyssee
1505

   „Der Teufel soll die Malerei holen!“ schoss es ihm durch den Kopf.
Auf der Staffelei stand seine Mona Lisa, und er überließ sich der Weiträumigkeit, die das Gemälde erfüllte.[…]

Leider war ich nicht mehr recht bei der Sache; ich war schon der Menschen müde. Wäre er an meiner Stelle gewesen, hätte er gewiss mehr Begeisterung gezeigt für diesen Leonardo da Vinci und die unüberschaubare Fülle seiner Spekulationen und Ideen. […]

Umso mehr hätte er sich verpflichtet gefühlt, alles in seinen Kräften stehende zu tun, damit die Menschheit in den Genuss seiner Forschungsergebnisse kommt. […]

Die epochale Wirkung seines Werkes wäre bis heute unbestritten, und wer einen Hang zu dickleibigen Dichtungen hat, würde früher oder später da Vinci lesen: Traktate, Referate, Reportagen, Anekdoten, Ammenmärchen, Tierfabeln, Sentenzen, Epigramme, Aphorismen, Sprichwörter, Prophezeiungen, Zitate - in toto fast 6 000 Seiten, inklusive seines Testaments.
Dass sich der Meister schon in der ersten Zeile als rätselhaftes Kuriosum outet, täte dieser Großtat des Geistes keinen Abbruch - im Gegenteil: „Der Mensch ist der undurchschaubarste Teil des Universums“, würden wir schon in der Grundschule lernen. […]

16. Der Große Brand von London
1666

   Die junge Dame war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und jetzt brauchte sie ein wenig Trost. Sie öffnete die Tür, streifte die Kapuze ihres blauen Umhangs ab und musterte die anwesenden Männer. […]

So weit es mich betrifft, war „The Anchor“ der Brennpunkt meines Londonaufenthalts: Ein unprätentiöses kleines Wirtshaus mit einem Kamin und mit Barbecue auf der Terrasse. Das Personal war freundlich und hilfsbereit, was sehr zur Atmosphäre beitrug. Das Bier schmeckte „like it had been brewed in a musketeer’s boot“. Doch das Essen war köstlich. Ein Stern fürs Bier. Aber Speisen, Service und Dekor hoben es auf zwei Sterne. Um der Masse zu entkommen, war’s eine gute Wahl: Schmutzig, schäbig und schaurig - mit ziemlich zerlumpten Klienten.
Die Adresse war Maid Lane, eine enge Gasse am Ende einer Straße, die sich Dead Mans Place nannte, wegen der Pesthäuser, die man letztes Jahr eingerichtet hatte, als die Große Pest ausbrach. Hinter der Brauerei stand die erste Independent Church von London. […]

17. Der Schub vom 4. Thermidor
1794

   Weiß der Himmel, wie viel Blut, Schweiß und Tränen sie vergießen musste, um 70 zu werden und jetzt hier im Licht der Abendsonne zu sitzen und das Publikum zu bedienen! […]

Aber, o weh, man zitierte, rezitierte und redete sich um Kopf und Kragen! Keiner, der einigermaßen bei Trost wär’, würd’ sich hier in einer Vierer-Reihe aufstellen.
Nr. 1 stinkt nach Geld aus allen Knopflöchern, besitzt aber kein einziges intaktes Organ mehr: Jean-Benjamin de Laborde (59), Ex-Steuerpächter - ein morscher Ast auf dem Stammbaum.
Nr. 2 ist verschwenderisch einparfümiert, aber es liegt etwas Unangenehmes in ihrem Geruch, ein Hauch von Überreife im Bouquet. […]

Das Schafott ist 7 Fuß hoch und hat ein Geländer.
Es ist etwa 8 Schritte lang und 7 Schritte breit.
Die Maschine steht in der Mitte und ist 14 Fuß hoch.
Ihre Klinge wiegt - mit dem Träger - 40 kg und fällt 2, 25 m in 7/10 sek.
Das Köpfen dauert - mehr oder weniger - 2/100 sek.
Sie heißt: „Republikanisches Teleskop“, „Rächer des Volkes“, „Nationales Rasiermesser“, „Patriotischer Verkürzer“, „Sense der Gleichheit“, „Katzenfalle“, „Loch“ ...
Die Franzosen amüsieren sich köstlich über das neue Spielzeug!
Selbst die Gefangenen singen Chansons, die voller Anspielungen auf „Madame Guillotine“ sind, und verehren sie als „Saint Guillotine“, bezeichnen sie als „l’Abbaye-de-Mont-à-Regret“ („Abtei-am-Berg-der-Reue“) oder nennen sie - lustig wie der Volksmund - „Schaukel“. […]

18. Lord Ludwig van Beethoven
1808

   Am Schreiberbach, nahe Nussdorf bei Wien, 8. August 1808.
Den Rücken an eine hohe Ulme gelehnt und die Augen himmelwärts gerichtet, sitzt der Komponist der Eroica-Sinfonie am Ufer des Bachs und gibt sich den zahllosen Reflexionen des Lichts und der Töne hin. Der anhaltende 12/8 Takt, die Tonart B-Dur und die Ausflüge in verwandte Tonarten bringen jeden mitfühlenden Zuhörer von den Regungen lebhafter Freude zur Ruhe und zum Frieden. Die zweite Violine und die Bratschen beginnen mit einem lieblichen, in Terzen sich bewegenden Gesang, der durch zwei Celli in der tiefern Oktave verstärkt wird. Die erste Violine spielt dazu einen sinnfälligen Gegensatz. Mit dem 5. Takt werden die Bewegungen in der zweiten Violine, den Bratschen und den beiden Celli schneller, und wir meinen tatsächlich das sanfte Murmeln eines Baches zu hören. […]

19. Miss You

I’ve been roll-in’ for-so long -- you’ve been sleep-in’ all-a lone -- Mum I miss you!
I’ve been ride-in’ on-a stone -- you’ve been hold-in’ on-so strong -- I want to kiss you!
Hah--hah--hah-hah-hah-hah […]

20. Mutter, wie viele Schritte darf ich machen?

   Ich brachte das Ständchen im Kopfstand - SIE brachte mich um den Schönheitsschlaf.
Mit ihrer Schwangerschaftsturnerei ging sie mir schon lange auf die Nerven. Und von nun an malträtierte sie mich mit Atemnöten, Kreislaufstörungen, Verdauungsbeschwerden und galoppierender Unterleibsmigräne.[…]

Das sollte eine Geburt werden?
Das war ein Attentat! […]

21. Bekenntnisse

   Seither bemühe ich mich, unserer Welt gerecht zu werden. Am liebsten aber teile ich meine amourösen Gefühle mit einer Schönheit.
Notwendigerweise erfordert ein solches Interesse das kunstvolle Jonglieren mit den zwei Grundmächten des Daseins: Eros und Thanatos. Eros ist - wie man weiß - der Repräsentant der Lebenstriebe, die nach sinnlicher Hingabe streben. Thanatos ist ein noch nicht recht verstandener Stoffwechselprozess, der alle Organismen zu Tode befördert. […]

ISBN: 978-3-9502548-2-2
Copyright © 2012 Harry Amon. All Rights Reserved.

 Fragen & Antworten

Wovon handelt ihr Buch?
Von einer Reise durch die Zeit. Der Held ist ein Ungeborener. Während sein Körper im Mutterleib heranreift, kann sein Geist frei von Mensch zu Mensch reisen.
Es ist in der ersten Person erzählt. Die Subjekte des Interesses sind aber unsere Vorfahren.
Damit kein Missverständnis entsteht: Das ist kein Fantasy-Roman - das ist ein erfundener Augenzeugenbericht tatsächlicher Geschichte.
Fußnoten geben zusätzliche Informationen über Personen und Ereignisse.

Wie würden sie die Klangfarbe ihres Buches beschreiben?
Heiter und fröhlich. Ich bin eine Frohnatur; ich nehme die Dinge nicht ernster als nötig, vermeide aber leichtfertigen Zynismus, Gewalt und Obszönitäten.

Bei wem, meinen sie, wird ihr Buch Interesse finden?
Ich meine, dass es jeden interessiert, der Interesse an einer unkonventionellen Betrachtungsweise unser historischen Wurzeln hat und sich dabei amüsieren möchte.
Ich kann nicht jedermanns Liebling sein, aber jeder halbwegs vernünftige Mensch kann erkennen, dass es das Potenzial für ein weltweites Publikum hat. Der Einsatz ist hoch; der Protagonist ist größer als das Leben; die Schauplätze sind exotisch; der Stil ist klar, einheitlich und kurz …

Was hat das Schreiben von ihnen gefordert?
Als mir die Idee zu One & All kam, war ich 25 und bin schnell zur Einsicht gelangt, dass das ein sehr schwieriges Projekt wird. Tatsächlich musste ich hunderte Bücher zur Geschichte, Philosophie und Religion lesen … Ich musste schreiben, verwerfen und neu schreiben … Ich musste den Text ins Englische übersetzen, und dann von fünf Engländern und fünf Amerikanern korrigieren lassen, indem sie den Text neben mir sitzend laut vorlasen … (Kapitel 16, Der Große Brand von London, habe ich zuerst in Englisch geschrieben. Kapitel 18, Lord Ludwig van Beethoven, habe ich simultan in beiden Sprachen geschrieben.) American

Warum so viele Gehilfen?
Nach Perfektion strebend, habe ich sie einfach gebraucht. Ich vergesse nie Mark Twains Ermahnung: „Der Unterschied zwischen dem fast richtigen Wort und dem richtigen Wort ist wahrlich eine bedeutende Angelegenheit - wie der Unterschied zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz.“
Der Vorteil war, dass ich gelernt habe, auf diesem hohen Niveau Englisch zu schreiben - ohne Hoffnung freilich, je auf das Korrekturlesen von Muttersprachlern verzichten zu können.
Ein anderer Nutzen dieser Vorgehensweise war, dass ich dabei von intelligenten Lesern, die direkt neben mir saßen, eine Textbearbeitung bekam. Der Text wurde besser und besser. Die englische und die amerikanische Ausgabe erwecken den Eindruck, als seien sie ursprünglich in der jeweiligen Sprache geschrieben - wie es wirklich gute Übersetzungen eigentlich sollten.

Was sind ihre Erwartungen?
Seit einigen Jahren bin ich Autor fürs deutsche Fernsehen (Unterrichtskanal), aber ich habe noch kein Buch publiziert.
Ich erwarte Wunder …


Ich möchte mich hier nicht um Kommentare oder den Mangel an Kommentaren kümmern.
Wenn Sie mir was zu sagen haben, senden Sie mir einen Tweet oder ein E-Mai.
And don't 4get 2 have a good time... BW! 

Copyright © 2012 Harry Amon. All Rights Reserved.